💡 Auf einen Blick: Warum echte therapeutische Professionalität radikale Authentizität braucht
Nach dem unerwarteten Tod seines geliebten Labradors Cooper teilt Dipl.-Psych. Ulf Parczyk seinen tiefen Schmerz. Er reflektiert über den Wandel seiner psychotherapeutischen Praxis weg von kühler, distanzierter Professionalität hin zu emotionaler Nähe, echter Herzverbindung und einem ehrlichen, ungefilterten Umgang mit Trauer und Verletzlichkeit.
- Das Ende künstlicher Barrieren: Statt starrer Distanz im dunklen Anzug schafft erst das mutige Ablegen emotionaler Schutzwälle einen heilsamen, unzensierten und zutiefst menschlichen Arbeitsraum für den Klienten.
- Die heilsame Präsenz des Tieres: Als sensibler Therapiehund begleitete Cooper unzählige Sitzungen und spiegelte durch tiefes Seufzen punktgenau jene Momente, in denen sich seelische Traumata und Blockaden lösten.
- Zulassen statt spirituellem Ehrgeiz: Wahre Stärke bedeutet, den schmerzhaften Verlust ohne weichgespülte Trost-Floskeln ganz zu durchfühlen, dem Impuls des Weglaufens Raum zu geben und den Tränen ihre eigene Zeit zu erlauben.
Cooper ist tot.
Er war erst sieben Jahre alt, für einen Labrador eigentlich die Mitte des Lebens.
Unerwartet, ohne langen Leidensweg, am Tag noch hinter seinem Ball herflitzend – seine Lieblingsbeschäftigung: Unbeschwertes Spielen, irgendetwas fliegendem Orangem oder Grünem nachjagen, auffangen, zurückbringen, wieder werfen lassen. Dabei die Schnelligkeit geniessend, das unbeschwerte, spielerische Nachjagen, die schwarzen Schlappohren im Wind, Hinterherschwimmen, Zurückkommen, Präsentieren, widerwillig Abgeben für die Wiederholung. Die reine Lebenslust im Moment, sorglos und kindlich, kein Morgen, kein Gestern.
Neben leckerem Fressen natürlich, wie es sich für einen Labrador gehört, sich über einen vollen Napf mit Fleisch hermachen, in Nullkommanix die Schüssel einatmen. Oder Schlummern, gemütlich in seinem Körbchen, mit seinem Kopf auf dem Korbrand, wie in einer Nussschale auf einem See, eingerollt. Aber immer wachsam und die Ohren gespitzt (wenn dies mit den Schlappohren ginge), wenn Herrchen in die Nähe des Leckerli-Lagers geht. Und wenn es dann kruschpelt, eine Verpackung aufgemacht wird, glockenhellwach und in Windeseile aufmerksam und gespannt aufrecht sitzend.
Diese Zeilen zu schreiben geht nur unter Tränen.
Vor zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich ein Tier (war er das wirklich?) so in mein Herz geschlossen hätte. Und dass es mein Herz brechen würde, wenn es nicht mehr da ist.
Und: Vor zehn Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass ich solche Emotionen mit Fremden teile, noch dazu in meinem professionellen Bereich. Anfänglich habe ich in einem dunklen Anzug praktiziert, die Klient*innen gesiezt und auf große professionelle Distanz geachtet. Nach und nach habe ich jedoch diese Bastionen (und das waren sie, wie ich jetzt weiß) aufgegeben, um – ohne das als “Programm” zu haben – authentischer zu werden, auch in meiner Arbeit. Meine Kleidung, die Ansprache (das “Du” – natürlich nur, wenn meine Klientinnen es möchten), die emotionale Nähe braucht heute nur noch wenig Distanz, ohne dass ich meine Professionalität verliere und “distanzlos” oder kumpelhaft werde. Ich werde ja unter anderem oder vor allem für meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit für die Belange, Situation und Gefühle meiner Klient*innen bezahlt.
Diese frühere Art der Distanz (ganze Therapieformen machen daraus Teil ihrer Methode) war eher aus Angst geboren, als notwendig für die therapeutische Arbeit, wie ich jetzt weiß. Generell ist Abgrenzung als Phase notwendig, aber unbedingt nicht das Ende der Fahnenstange von Entwicklung (darüber werde ich bald auch einen Blogbeitrag schreiben).
Was ist dann Professionalität für mich heute? Ich habe mir in der letzten Woche, nachdem Cooper starb, offengelassen, ob ich seinen Tod den neuen Klientinnen, die Cooper gar nicht kannten, mitteile oder nicht. Je nachdem, wie stark mich die Trauer in der Arbeit beeinflussen würde, würde ich entscheiden. Ich entschied mich in den Sitzungen dagegen, weil ich merkte, dass ich – und das ist eben jene Professionalität – den Fokus ganz auf den Klientinnen halten konnte. Wäre mir das vorausschauend gar nicht geglückt, hätte ich die Sitzungen ganz abgesagt (wie ich es Anfang der Woche auch tat) oder als Notfallmaßnahme es während der Sitzungen offenbart, um das Thema im gemeinsamen Arbeits-Raum vom Widerstand zu befreien. Das war meinem Gefühl nach nicht notwendig.
Mein Leben, meine aktuellen Problematiken sollen Sitzungen nicht beeinflussen oder zum Thema werden, das interessiert weder Klient*innen noch mich. Ich habe eigene Räume, wo dies dann Platz findet, und diese sollte selbstverständlich jeder Therapeut haben. Aber es sind Ausnahmesituationen vorstellbar, in denen ich auch solche Offenheit an den Tag legen würde, um die Sitzung zu verbessern und den Fokus wieder herzustellen. Dies hier wäre ein solcher gewesen. Wir sind alle zum Glück keine Roboter.
Ist das dann authentisch? Nicht, dass ich meine traurige Stimmung “abschalten” konnte. Ich wollte sie auch gar nicht “loswerden”. Sie hat für mich im Hintergrund mitgeschwungen und kam jedoch nicht so weit in den Vordergrund, um meine Aufmerksamkeit abzulenken. Fast im Gegenteil fühlte ich mich noch mehr liebevoll zugewandt und “weich”, und die Sitzungen waren sehr schön – um einmal dieses Wort auf Rückführungssitzungen anzuwenden – auf jeden Fall in deren Ergebnis: erleichternd, befreiend für die Klientinnen.
Was geht dieses Thema Euch an? Abgesehen davon, dass es mich zur Zeit sehr beschäftigt?
Cooper war bei den Klient*innen – bis auf ganz wenige, denen Tiere oder Hunde sowieso suspekt waren – sehr beliebt. War er mal nicht mit in der Sitzung, fehlte er Vielen. Sein goldiges, ausgeglichenes, immer freundliches und freudiges Wesen erhellte den Raum. Anfänglich wollte er noch einige trösten (es wird ja sehr emotional in Rückführungssitzungen), das gab er aber irgendwann auf und er blieb ruhig auf seiner Decke oder irgendwo im Raum liegen und döste oder träumte weiter. Sicher hat er auch irgendwann gespürt, dass das Emotionale in den Sitzungen dazugehört und die Klient*innen auch nicht zum eigenen Rudel gehören und ließ sie einfach machen. Nichtsdestotrotz arbeitete er energetisch immer mit uns mit, hörbar in tiefen Seufzern genau dann, wenn sich bei den Klient*innen etwas gelöst hatte und eine Entspannung eintrat. So gesehen, war Cooper ein Therapiehund. Und vielleicht war es eine seiner Fähigkeiten, sein Wesen mit in den Raum zu bringen und seine Unbeschwertheit und Lebensfreude trotz allem nicht zu verlieren.
Für mich ist das eine der größten Fähigkeiten, die man – nicht nur hier auf der Erde – ausbilden kann, Liebe und Freundlichkeit und Freude zu bewahren trotz allem, was man hier an Düsterem, Schrecklichem erleiden oder anrichten kann. Und dieser für mich schreckliche Verlust gehört dazu. Cooper ist ein schwer zu erreichendes Vorbild. Gerade wenn in dieser Zeit so viele wunderschöne Momente mit ihm, wie auch die Momente des Abschiedes, immer wieder in mir auftauchen und die Trauer so groß ist. Doch diese Zeiten gehören auch dazu, sagt man sich dann. Schlaue spirituelle Erkenntnisse sind aber weit weg: Cooper ist einfach nicht mehr da.
Verlust ist Verlust. Auch wenn ich Cooper kurz vor dem Moment des Einschläferns gehen lassen konnte und ihn nicht hindern wollte, uns zu verlassen. Was für mich nichts mit der Trauer um ihn zu tun hat. Jetzt habe ich das starke Gefühl, er ist schon weit weg und spielt woanders weiter, rennt über andere Wiesen, schnüffelt und markiert in feinstofflichen Sphären… Er ist sicher kein Hund, den es hier als Seele hält oder der seine Besitzer körperlos beschützen will. Letzteres war auch im Leben nicht seine Art. Er war eher wie ein großer Welpe und wurde dementsprechend in seinem Alter immer unterschätzt. So glaube ich auch, dass ihm ein Leben als “Hunde-Opa”, langsam im Stadtwald um den Jacobiweiher humpelnd, sicher ganz mißfallen hätte. So wirkt sein Leben – verzeiht den Vergleich – eher wie das eines James Dean, kurz und lebendig und intensiv.
Wenn es Trost gibt, dann den, dass er solch ein freudiges Leben mit uns hatte, so sehr geliebt, beschmust und immer gesund und munter. Und dass es ihm jetzt auch weiter sehr gut geht. Ein Glückskind. Wie ich, weil ich mit ihm als goldigem Begleiter zusammen sein durfte, viele Stunden gelaufen bin, gespeilt habe oder einfach seine stille Präsenz genossen habe. Für seinen Verlust, die Gefühle, wenn ich sein leeres Körbchen anschaue; wenn ich mich daran erinnere, wie er als kleiner Welpe von ein paar Wochen mich aussuchte, indem er sich in meine Arme schmiegte, der kleine Charmeur; wenn ich mich an das leichte, rhythmische und sanfte Beben seiner Nase bei seinen letzten Atemzügen erinnere; aufzuwachen und wieder einen Tag ohne ihn zu erleben – für all die Trauer gibt es erst mal keinen Trost. Dankbarkeit (natürlich ist sie groß) und Spiritualität hin oder her. Da muss ich jetzt durch. So ehrlich und schmerzhaft und offen und weich, wie es mir möglich ist. Das habe ich in den Jahrzehnten – auch durch meine Arbeit mit mir und den Klient*innen – gelernt: Wegdrücken hilft nichts. Und sogar der Impuls für das Weglaufen von solchen Zuständen ist völlig in Ordnung, gehört eben auch dazu. Es geht ja nicht um einen unmenschlichen Anspruch, alles problemlos anzunehmen, was erst einmal entsetzlich ist. Solche Ansprüche verschlimmern oder unterdrücken eher etwas, als dass sie guttun würden. “Spiritueller Ehrgeiz” nützt keinem etwas.
(Auch über “Willkommen-Heißen” oder “Annehmen” schreibe ich in der kommenden Zeit etwas, in Zusammenhang mit dem scheinbar gegensätzlichen Thema “Abgrenzung”.)
Und das ist sicher auch ein genereller Hinweis für den Umgang mit Emotionen – nicht neu, aber immer wieder wichtig.
“Kopf hoch” hat seine Zeit und “Kopf hängenlassen” aber auch – egal, wie ignorant unsere Kultur und Arbeitswelt (und damit natürlich auch viele Menschen, die Schwierigkeiten schon alleine beim Ansehen von “unbeliebten” Emotionen bei anderen haben) mit Emotionen, gerade mit Trauer und Schmerz, umgeht.
Bei dem Gefühl bleiben, bis es aufhört. Es ist nun mal da. Und verläßt uns nur, wenn es bleiben durfte.
Das ist für mich “Stärke”.
Den Schmerz zulassen, teilen, ruhig auch anderen liebevollen Menschen detailliert erzählen, was passiert ist, weinen, die Erinnerungen teilen – das sind natürliche Formen, die wir immer schon genutzt haben, mit Schmerz und Verlust oder anderen unangenehmen Erlebnissen umzugehen. (Nichts anderes benutzt die Rückführungstherapie, mehr “Technik” braucht kein Mensch auf der Welt: Jemanden als liebevollen Zuhörer zu haben, der die Schrecknisse mit einem teilt – ohne davonzurennen oder es gutzureden oder wegzaubern zu wollen – das alles demnach also auch nicht aushalten kann. Das ist die Kunst, die ich mir als Therapeut, irgendwann nach langer Suche nach “optimaler Technik”, als Weg und Ziel gesetzt habe. Die Welt braucht m.E. nicht noch mehr “Hyper-System-Matrix-DNA-Quanten-Heilungs-Klopfen-Hüpfen-Springen”.)
Und vielleicht sind im obigen Zusammenhang auch die folgenden Selbsterforschungsfragen interessant:
- Wie authentisch fühle ich mich in meiner Arbeitswelt?
- Wie viel und oft zeige ich echte (auch weniger “angesagte”, aber auch Zuneigungs-) Gefühle gegenüber Chefs, KollegInnen, MitarbeiterInnen, KundInnen, Klient*innen?
- Liegt diese Antwort darauf in einem für mich befriedigendem Rahmen? Soll das so bleiben oder würde ich mich gerne freier fühlen oder mich mehr zügeln?
- Welche Emotionen erlaube ich mir, welche unterdrücke ich lieber?
- Glaube ich, das Übermitteln von Gefühlen geht gar nicht, das gehört nicht dahin, das “sollte man nicht”, das hat (berufliche, persönliche) Nachteile?
- Wenn ja, welche Nachteile befürchte ich genau?
- Sind diese Nachteile der einzige Grund? Sind sie “realistisch”? Könnte es andere Gründe geben?
- Gibt es Unterschiede zu meinem Privatleben, kann ich mich dort freier (oder weniger frei) äußern?
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Ich bin froh, dass ich Euch diese Gefühle übermitteln kann, ohne das Gefühl zu haben, “unprofessionell” zu sein.
Denn ich möchte nicht “Therapeut” oder “Mensch” sein, sondern beides.
Ich danke Euch allen da draußen, dass ich dieses eher unangenehme Thema mit Euch teilen durfte. Das nächste Mal wird und kann es sicher (und hoffentlich!) wieder etwas “unpersönlicher” werden…
Euer
Ulf Parczyk
Für Cooper.






