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Ich versteh´ mich nicht! Die Sackgasse des Verstehen-Wollens – und ein Weg heraus

Ich versteh´ mich nicht! Die Sackgasse des Verstehen-Wollens – und ein Weg heraus

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(ca. 18 Min.)

Du kommst in einem bestimmten Bereich nicht weiter: In der Liebe, im Beruf oder mit einem körperlichen Problem. Das geht vielleicht schon länger so – oder diese lästigen Dinge sind alte Bekannte, die Dich immer wieder als unerwünschte Gäste in Deinem Leben besuchen, in dem Fall also Wiederholungstäter.

Fragst Du Dich in diesen Fällen dann auch langsam, woher das kommt? Hast Du auch den Drang, das alles zu verstehen? Möchtest Du Dich dann nicht eigentlich auch besser verstehen? Begreifen, warum Du in solch einer Lage bist – bzw. mit spirituell-psychologischem Hintergrund – Dich fragst, wie Du Dich in solch eine Lage bringen konntest? Und das vielleicht immer wieder?

Schon wieder ein Partner, der Dich übersieht oder schon wieder dieser lästige Kopfschmerz oder schon wieder diese Ängste…

Je größer das Problem ist,
je länger es anhält,
je öfter Du in missliche, ähnliche Lagen gerätst
umso verzweifelter sind diese Fragen zumeist:

 „WARUM PASSIERT MIR DAS?“, „WOHER KOMMT DAS?“

Mit diesen Fragen schlägst Du Dich vielleicht schon lange herum,
meist genau so lange wie mit Deinen Problemen oder Blockaden selbst. 

Und irgendwie, wenn Du ehrlich bist, bist Du damit weder Deine größeren, wichtigen Probleme losgeworden,
noch hast Du diese Fragen beantworten können.
Du verstehst Dich selbst nicht und strengst Dich doch so an dafür.

Und es kann noch besser werden: Obendrein bestrafst Du Dich möglicherweise auch noch dafür, dass Du das alles immer noch nicht durchblickt hast:
„Das muss man doch verstehen können! Ich bin einfach zu dumm!“

Wir setzen oft sogar noch einen drauf:
„Wieso können die anderen alles besser, kommen viel besser klar mit ihrem Leben?“ – Auch ein beliebter Herunterzieher in diesem Zusammenhang.
Also das All-Inclusive-Paket zum Problem noch dazugebucht:
Nicht nur inkompetent, nein, auch noch nicht einmal intelligent genug, es zu verstehen und obendrein noch unfähiger als der ganze glückliche, fähige Rest der Menschheit.
Ich hoffe nicht, Du hast dieses komplette Gedanken-Paket gebucht, aber Viele tun das leider. Und es gibt nicht mal Armbändchen dafür, geschweige denn Vollpension und Gratisgetränke an der Bar. Eher die Abwärtsspirale in den Gefühlskeller.

Was machen wir dann in unserer Ratlosigkeit oft?
Wenn Du es nicht weißt, jemand anderer muss es doch wenigstens wissen: Die Experten. Oder geprüfte LeidensgenossInnen. Es muss doch schon Menschen geben, die die Lösung aufgeschrieben haben – also her damit: Internetseiten, Selbsthilfebücher, Blogs 😉 , Sachliteratur von „Depression leicht gemacht“, „Erleuchtung bei einer Minute Sitzen pro Tag“ bis „An Apple a Day Keeps Your Karma Away“ etc.

Erklärungen finden, mental das innere Thema auseinandernehmen – wir füttern unseren armen Kopf weiter mit Daten und Informationen, dann muss er doch das richtige Ergebnis ausspucken. Computer funktionieren doch auch so: Datenbank erweitern und dann neu berechnen. Die schnelle Lösung dann zum Ausdrucken, Teilen oder Liken.

Und noch viele weitere Betätigungsfelder für (hilflose) Berechnungen sind möglich!
Denn manchmal zerbrichst Du Dir auch den Kopf darüber, wie und warum die anderen ticken, versuchst diese auf dieselbe Weise zu verstehen:
„Warum war er jetzt wieder so verletzend?“; „Was hat sie dazu gebracht, mich so plötzlich zu verlassen?“; „Weshalb mobben die mich wieder?“ Fragen über Fragen.

Sehr verständlich, diese Warum-Fragen zu stellen. Es ist sicher ein menschlicher Zug, Fragen zu stellen – vor allem Fragen nach Ursachen.
Nach meiner Erfahrung – auf diese Weise zumindest – leider fast nie erfolgreich.
Weder im Verständnis selbst, noch im Ausräumen der Probleme.

Mal wieder ein paar – hoffentlich schlauere – Fragen an Dich:

Wenn Du Dich durch das Obige in manchen Aspekten beschrieben fühlst,

frage Dich jetzt einfach bitte:

Möchte ich das Problem verstehen oder glücklich sein?

….

 😉

….

Und jetzt noch eine:

Hast Du, wenn Du glücklich bist, auch so viele Fragen nach den Ursachen Deines Glückes?

….

….

Ich tippe mal, wahrscheinlich nicht. Jedenfalls nicht, wenn Du nicht forschender Psychologe oder Philosoph bist.
Du bist wahrscheinlich (hoffentlich) einfach glücklich, genießt den Zustand, den Moment, und fängst nicht an zu grübeln.

Denn beim Denken ist das Glück oft dahin (jedenfalls wenn Du nicht zu den genannten Forschern gehörst, die sicher dabei auch und gerade Glücksmomente haben 😉 ).

Wenn Du tiefer in Dir forschst, geht der Impuls für diese Fragen höchstwahrscheinlich von einer oder mehreren Emotionen in Situationen aus, die unangenehm sind.

Das Nachdenken darüber hat dann meines Erachtens zwei Funktionen:

1. Ich gehe lieber in den Verstand, als mich weiter mit diesen Gefühlen herumzuschlagen: „Lieber Denken als Fühlen.“ (= Wunsch nach Vermeidung)

2. Wenn ich weiß, was es verursacht, kann ich es verändern (= Wunsch nach Kontrolle).

Beides – Wünsche nach Vermeidung und Kontrolle – sind hier Aspekte des Widerstands gegen ein Gefühl (oder meist mehrere) in einer (oder mehreren ähnlichen) Situationen. Wir wollen das alles weghaben.

An anderen Stellen hier in meinem Blog habe ich schon darauf hingewiesen, dass Widerstand eine Situation oder ein Gefühl gerade festhält. Also gerade das, was ich unbedingt loswerden möchte, verfolgt mich weiter. Ein rein energetisches Phänomen.  

Was ist dann ein effektiverer Umgang damit?

Ganz klar: Wieder mit dem Gefühl oder den Gefühlen, die mit den unverständlichen, problematischen Situationen einhergehen, Kontakt aufnehmen. Und Verstandesfragen nach Ursachen oder über Beweggründe von Dir und/oder anderen für diese Zeit mal für einen Moment beiseite lassen.

Schließe mal die Augen und nimm Dir die bestimmte jetzige oder frühere unangenehme Situation vor, gehe so gut hinein, wie Du nur kannst. Verbinde Dich in dem Maße, wie es Dir jetzt möglich ist, mit Dir dort in der Situation und Deinen Gefühlen und Körpergefühlen. Heiße sie willkommen, d.h. lade sie mal mit offenen Armen ein, spüre sie mal und erlaube ihnen einfach mal, sich in Dir auszubreiten. Klar, kann sich das erst mal nicht angenehm anfühlen. Du hast Dir ja nicht ohne Grund vorher den Kopf zerbrochen, sondern um dem aus dem Weg zu gehen, was Du jetzt versuchst. Lass jetzt einfach mal auftauchen, was sowieso in Dir vorgeht, wenn auch sonst unbewusst oder gebremst.

Jetzt lasse sie einfach los, so gut es Dir möglich ist. Loslassen ist wie das Öffnen der Faust, die etwas festhält und dann freigibt. Lass das einfach passieren.  

……..

Jetzt hast Du Dir einen kleinen Vorgeschmack gegeben, was Du eigentlich mit dem Verstehen-Wollen vermeidest. Und einen möglichen Einstieg in einen effektiveren Umgang. Die komplette Übung folgt weiter unten.

HALT! Und was ist mit der Rückführungstherapie? Da geht es doch um Ursachen!?

Ich höre da noch eine Frage, die im Raum steht:

„Aber das schreibt hier doch wohl ein Rückführungstherapeut! Ihr seid doch an den Ursachen interessiert und seht da die Heilung. Und da geht es doch gerade um das Verständnis der Vergangenheit!?“

Eine sehr gute Frage, die uns weiter führt: Es gibt meines Erachtens unterschiedliche Arten von Verständnis. Die Art von Verständnis, die ich oben angesprochen habe und die viele von uns immer wieder benutzen möchten, ist ein eher mentales, kopfmäßiges Verstehen, quasi von außen. Es hat die Charakteristik und ist daran erkennbar, dass sie sich oft im Kreis dreht, uns mürbe und energielos macht, weil keine klaren Antworten kommen, die uns wirklich befriedigen, weil sie nicht mit unserem Bauchgefühl oder Herz verbunden sind. Da dieses Denken ja gerade versucht, unsere Gefühle zu vermeiden, schneidet es uns aber von dem wahren Verständnis von uns selbst oder dem anderer ab. Man könnte sagen, es ist nicht „ganzheitlich“, um dieses mittlerweile etwas abgegriffene Wort zu benutzen.

Verstehen-Wollen an sich ist ja natürlich nichts generell Abzulehnendes. Es gibt ein wahres Verständnis, aus dem eine Klarheit entspringt, die ich durch Grübeln jedoch nicht erreichen kann. Sondern nur in Verbindung mit mir als ganzem Wesen. Und da muss ich mich meinen Emotionen stellen, sie annehmen und in mir zulassen. Gefühlsmäßig durchdringen. Sonst bleiben dies alles nur Kopfkonstruktionen, die vielleicht richtig sein können oder auch nicht: Unklar, weil sie ja keine Verbindung zu unserer Intuition haben, die viel mehr weiß, als der Kopf allein je wissen kann.

Rückführungstherapie zielt in ihrer Ganzheitlichkeit (auf körperlicher, emotionaler, geistiger und spiritueller Ebene) auf ein widerstandsfreies, annehmendes Erleben, das Verständnis automatisch hervorbringt. Und zwar durch die Wiederverbindung mit uns selbst, mit dem, von dem ich mich irgendwann getrennt habe, weil es zu unangenehm = traumatisch war: nämlich meinem Erleben (und oft in Sitzungen auch dem Innenleben der anderen).
Durch ein Erleben meiner, aber auch oft der Perspektiven von anderen beteiligten Personen in diesen vergangenen Situationen, komme ich zu einem neuen Verständnis, das viel tiefer geht als durch Nachdenken – und sich viel wahrer anfühlt. Und diese vertiefte Verbindung mit mir und anderen nehme ich natürlich aus den Sitzungen mit in meinen Alltag; sie ist nicht auf die „früheren“ Situationen in der Vergangenheit begrenzt.
Das ist dann heilend im wörtlichen Sinne, „ganzer“ machend (auch wenn wir das auf einer tieferen Eben schon immer sind… 😉 ). Grübeln tut dies nicht, weil es nichts in mir verbindet, sondern ja eher vermeiden will.

In diesem Sinne könnte jetzt klarer sein, warum dieser Spruch auf dem Foto stimmt („Wenn Du ein Problem in Dir verstehen möchtest,musst – und wirst – Du es bis dahin auch festhalten“):
Unser Anspruch, etwas verstehen zu wollen, programmiert uns: In einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung wird das Warten auf Verständnis die Voraussetzung, es loszulassen. Irgendwie fatal. Und dieses Verständnis kommt – wie wir gesehen haben – nicht auf die Weise, wie wir vielleicht meinen. Der Mann auf dem Foto sieht wohl schon in die Zukunft, die er sich auf diese Weise selbst gebastelt hat.
Noch dazu kommt, dass der Widerstand gegen Gefühle (der das Verstehen-Wollen überhaupt in Gang setzt) das Problem nämlich auch noch weiter festhält.
Also folgern wir: Entsteht kein Annehmen der Situation oder der Gefühle, wird sich herzlich wenig in unserem Leben verändern. Und auf das wirkliche Verstehen können wir auch lange warten.

Klingt zugegebenermaßen trüb, wenn da nicht eine Alternative wäre. Jetzt können wir nämlich die obigen Fragen und Übungen zusammenziehen und erweitern.

Eine Übung, wenn Du Dich das nächste Mal bei dieser Art von Grübeln ertappst:

* Heiße bitte willkommen: Dein Bedürfnis, das Problem zu verstehen.

* Möchtest Du das Problem lieber verstehen oder lieber das Problem loslassen?

* Gib´ Dir die Erlaubnis, das Verstehen-Wollen für einen Moment mal loszulassen

* Welches Gefühl oder Körpergefühl liegt Deinem Verstehen-Wollen eigentlich zugrunde: Was genau möchtest Du nicht so gerne fühlen und möchtest es daher lieber verstehen? (Dazu kannst Du die betreffende problematische Situation innerlich aufrufen und dann hineinspüren)

* Dieses Gefühl willkommen heißen (sind es mehrere, das Ganze mehrmals jeweils mit einer Emotion durchlaufen).

* Spüre, ob da ein Widerstand ist, dieses Gefühl fühlen zu wollen. Diesen Widerstand (oft auch ein körperlicher im Sinne von Anspannung) auch willkommen heißen!

* Das Alles für einen Moment, so gut es geht, loslassen.

Diesen Zyklus so lange mit ein und demselben Gefühl wiederholen, bis Du eine Veränderung spürst. Dann Dir das nächste aufgetauchte Gefühl vornehmen. Bei dicken Problemen (= großem Widerstand) kann man das auch an mehreren Tagen bis hin zu Wochen machen. Je öfter, je besser.
(Übung angelehnt an die Sedona-Methode)

Also: ´Ran ans Willkommen-Heißen von dem, was sowieso da ist. Das leidige All-Inclusive-Paket abbestellen, dieses unselige Plastik-Armbändchen ablegen und jetzt trotzdem – oder besser: gerade – an der Bar einen darauf und auf Dich selbst trinken.   🙂

Euer
Ulf Parczyk

PS: Übrigens wird diese mentale Art des Verstehens oft auch als Grundlage der beliebten „Vergebung“ benutzt. Oder auch als Grundlage für das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse („Weil er/sie ja nicht kann und als Kind geschlagen wurde, gibt er/sie mir heute nicht…“)
Vielleicht sollte sich ein zukünftiger Blogbeitrag von mir auch damit mal beschäftigen…

Photo: Caleb George, Unsplash

 

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