Destilliertes - Mein Blog

Cooper ist tot.

Cooper ist tot.

Cooper

Cooper ist tot.

Er war erst sieben Jahre alt, für einen Labrador eigentlich die Mitte des Lebens. 

Unerwartet, ohne langen Leidensweg, am Tag noch hinter seinem Ball herflitzend – seine Lieblingsbeschäftigung: Unbeschwertes Spielen, irgendetwas fliegendem Orangem oder Grünem nachjagen (oder auch hinterherschwimmen), auffangen, zurückbringen, wieder werfen lassen. Dabei scheinbar die eigene Schnelligkeit geniessend, das unbeschwerte, spielerische Nachjagen, die schwarzen Schlappohren im Wind, Zurückkommen, Präsentieren, widerwillig Abgeben für die Wiederholung. Die reine Lebenslust im Moment, sorglos und kindlich, kein Morgen, kein Gestern.

Neben leckerem Fressen natürlich, wie es sich für einen Labrador gehört, sich über einen vollen Napf mit Fleisch hermachen, in Nullkommanix die Schüssel einatmen. Oder Schlummern, gemütlich in seinem Körbchen, mit seinem Kopf auf dem Korbrand, wie in einer Nussschale auf einem See, eingerollt. Aber immer wachsam und die Ohren gespitzt (wenn dies mit den Schlappohren ginge), wenn Herrchen in die Nähe des Leckerli-Lagers geht. Und wenn es dann kruschpelt und eine Verpackung aufgemacht wird, glockenhellwach und in Windeseile aufmerksam und gespannt aufrecht sitzend.

Diese Zeilen zu schreiben geht nur unter Tränen.

Vor zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich ein Tier (war er das wirklich?) so in mein Herz geschlossen hätte. Und dass es mein Herz brechen würde, wenn es nicht mehr da ist.

Und: Vor zehn Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass ich solche Emotionen mit Fremden teile, noch dazu in meinem professionellen Bereich.

Distanz und/oder Echtheit und/oder Professionalität?

Am Anfang meiner Tätigkeit als Therapeut (lang ist es her) habe ich in einem dunklen Anzug praktiziert, die KlientInnen gesiezt und auf große professionelle Distanz geachtet, nicht einmal ein Foto von mir auf der Website. Nach und nach habe ich jedoch diese Bastionen (und das waren welche, wie ich jetzt besser weiß) aufgegeben, um – ohne das als „Programm“ zu haben – authentischer zu werden, auch in meiner Arbeit. Meine Kleidung, die Ansprache (das „Du“ – natürlich nur, wenn meine Klienten und Klientinnen es möchten), die emotionale Nähe braucht heute nur noch wenig Distanz, ohne dass ich meine Professionalität verliere und „distanzlos“ oder kumpelhaft werde. Ich werde ja unter anderem – oder eigentlich vor allem – für meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit für die Belange, Situation und Gefühle meiner KlientInnen bezahlt.

Diese frühere Art der Distanz (ganze Therapieformen machen daraus einen wichtigen Teil ihrer Methode) war eher aus Angst geboren als notwendig für die therapeutische Arbeit. Generell gesprochen ist Abgrenzung als Phase meist notwendig, aber unbedingt nicht das Ende der Fahnenstange von Entwicklung (mehr dazu in einem der nächsten Blogbeiträge).

Was ist dann Professionalität für mich heute?
Ich habe mir in der letzten Woche, nachdem Cooper starb, offengelassen, ob ich seinen Tod den neuen Klientinnen, die Cooper gar nicht kannten, mitteile oder nicht. Je nachdem, wie stark mich die Trauer in der Arbeit beeinflussen würde, würde ich entscheiden.
Ich entschied mich in den Sitzungen dagegen, weil ich merkte, dass ich – und das ist eben jene Professionalität – den Fokus ganz auf den Klientinnen halten konnte. Wäre mir das vorausschauend gar nicht geglückt, hätte ich die Sitzungen ganz abgesagt (wie ich es für den Anfang der Woche auch tat). Oder ich hätte es – als Notfallmaßnahme – während der Sitzungen offenbart, um das Thema im gemeinsamen Arbeits-Raum vom Widerstand zu befreien und meine Aufmerksamkeit wieder zurück zur Klientin zu bringen. Das war meinem Gefühl nach jedoch nicht notwendig.

Mein Leben, meine aktuellen Problematiken sollen Sitzungen nicht beeinflussen oder zum Thema werden, das interessiert weder KlientInnen noch mich. Ich habe eigene Räume, wo dies dann Platz findet, und diese sollte selbstverständlich jeder Therapeut haben. Aber es sind Ausnahmesituationen vorstellbar, in denen ich auch solche persönliche Offenheit an den Tag legen würde, um die Sitzung zu verbessern und den Fokus wieder herzustellen. Dies hier wäre ein solcher gewesen.
Wir sind alle zum Glück keine Roboter. Und gerade wir Therapeuten sind ja selbst unser wichtigstes Werkzeug.

War das dann authentisch und echt?
Nicht, dass ich meine traurige Stimmung „abschalten“ konnte. Ich wollte sie auch gar nicht „loswerden“. Ich blieb mit ihr in Kontakt, sie hat für mich im Hintergrund mitgeschwungen und kam jedoch nicht so weit in den Vordergrund, um meine Aufmerksamkeit abzulenken. Fast im Gegenteil fühlte ich mich noch mehr liebevoll zugewandt und „weich“, und die Sitzungen waren sehr schön, um einmal dieses Wort auf Rückführungssitzungen anzuwenden – auf jeden Fall in deren Ergebnis: erleichternd und befreiend für die Klientinnen.

Was geht Dich dieses Thema an?

…abgesehen davon, dass es mich zur Zeit sehr beschäftigt und Du vielleicht Deinen Umgang mit Verlust und Trauer dabei reflektierst, wenn Du dies liest?

Cooper war bei den KlientInnen – bis auf ganz wenige, denen Tiere oder Hunde sowieso suspekt sind – sehr beliebt. War er mal nicht mit in der Sitzung, fehlte er Vielen. Sein goldiges, ausgeglichenes, immer freundliches und freudiges Wesen erhellte den Raum. Anfänglich wollte er noch einige trösten (es wird ja sehr emotional in Rückführungssitzungen), das gab er aber irgendwann auf, und er blieb ruhig auf seiner Decke oder irgendwo im Raum liegen und döste oder träumte weiter. Sicher weil er irgendwann gespürt hat, dass das Emotionale in den Sitzungen dazugehört und die KlientInnen auch nicht zum eigenen Rudel gehören, ließ er sie einfach machen. Nichtsdestotrotz arbeitete er energetisch immer mit uns mit, hörbar oft in tiefen Seufzern genau dann, wenn sich bei den KlientInnen etwas gelöst hatte und eine Entspannung eintrat. So gesehen, war Cooper auch ein Therapiehund. Und sicher war es eine seiner Fähigkeiten, sein schönes Wesen mit in den Raum zu bringen und seine Unbeschwertheit und Lebensfreude auszustrahlen und weiter zu behalten.
Daher schon sowieso eine Würdigung in meinem Blog wert.

Für mich ist das eine der größten Fähigkeiten, die man ausbilden kann, Liebe und Freundlichkeit und Freude zu bewahren oder zumindest relativ schnell wiederzugewinnen – trotz allem, was man hier an Düsterem, Schrecklichem erleiden oder anrichten kann. Dieser für mich schreckliche Verlust gehört auch dazu.
Cooper ist da ein schwer zu erreichendes Vorbild. Gerade wenn in dieser Zeit so viele wunderschöne Momente mit ihm, wie auch die Momente des Abschiedes, immer wieder in mir auftauchen und die Trauer so groß ist. Diese Zeiten gehören auch dazu, sagt man sich dann. Schlaue spirituelle Erkenntnisse und Erklärungen („Warum schon so früh?“) sind aber erst mal weit weg oder lenken einfach nur ab und ändern nichts daran:

Cooper ist einfach nicht mehr da.

Verlust ist Verlust. Auch wenn ich Cooper kurz vor dem Moment des Einschläferns gehen lassen konnte und ihn nicht hindern wollte, uns zu verlassen. Was für mich aber nichts mit der Trauer um ihn zu tun hat.
Jetzt habe ich das starke Gefühl, er ist schon weit weg und spielt woanders weiter, rennt über andere Wiesen, schnüffelt und markiert in feinstofflichen Sphären… Er ist sicher kein Hund, den es hier als Seele hält oder der seine Besitzer körperlos beschützen will. Letzteres war auch im Leben nicht seine Art. Er war eher wie ein großer Welpe und wurde dementsprechend in seinem Alter immer unterschätzt. So glaube ich auch, dass ihm ein Leben als „Hunde-Opa“, langsam im Stadtwald um den Jacobiweiher humpelnd, sicher ganz mißfallen hätte. So wirkt sein Leben – verzeiht den Vergleich – eher wie das eines James Dean, kurz und lebendig und intensiv.

Vom Annehmen und Nicht-Annehmen-Wollen

Wenn es Trost gibt, dann den, dass er solch ein freudiges Leben mit uns hatte, so sehr geliebt, beschmust und immer gesund und munter. Und dass es ihm jetzt auch weiter sehr gut geht. Ein Glückskind. Wie ich, weil ich mit ihm als goldigem Begleiter zusammen sein durfte, viele Stunden gelaufen bin, gespielt habe oder einfach seine stille Präsenz genossen habe. Für seinen Verlust, die Gefühle, wenn ich sein leeres Körbchen anschaue; wenn ich mich daran erinnere, wie er mich als kleiner Welpe von ein paar Wochen aussuchte, indem er sich in meine Arme schmiegte, der kleine Charmeur; wenn ich mich an das leichte, rhythmische und sanfte Beben seiner Nase bei seinen letzten Atemzügen erinnere; aufzuwachen und wieder einen Tag ohne ihn zu erleben – für all die Trauer gibt es erst mal keinen Trost. Dankbarkeit (natürlich ist sie groß) und Spiritualität hin oder her. Da muss ich jetzt durch. So ehrlich und schmerzhaft und offen und weich, wie es mir möglich ist. Das habe ich in den Jahrzehnten – auch durch meine Arbeit mit mir und den KlientInnen – gelernt: Wegdrücken hilft nichts. Und sogar der Impuls für das Weglaufen von solchen Zuständen ist völlig in Ordnung, das gehört eben auch dazu. Es geht ja nicht um einen unmenschlichen Anspruch, alles problemlos anzunehmen, was erst einmal entsetzlich ist. Solche Ansprüche verschlimmern oder unterdrücken eher etwas, als dass sie guttun würden. „Spiritueller Ehrgeiz“ nützt niemandem.
(Auch über „Willkommen-Heißen“ oder „Annehmen“ schreibe ich in der kommenden Zeit etwas, im Zusammenhang mit dem scheinbar gegensätzlichen Thema „Abgrenzung“.)

Und das ist sicher auch ein genereller Hinweis für den Umgang mit Emotionen – nicht neu, aber immer wieder wichtig, uns daran zu erinnern.

„Kopf hoch“ hat seine Zeit und „Kopf hängenlassen“ aber auch – egal, wie ignorant unsere Kultur und Arbeitswelt mit Emotionen, gerade mit Trauer und Schmerz, umgeht (und damit natürlich auch viele Menschen, die Schwierigkeiten schon alleine beim Ansehen von „unbeliebten“ Emotionen bei anderen haben).

Bei dem Gefühl bleiben, bis es aufhört. Es ist nun mal da. Und verläßt uns nur, wenn es bleiben durfte.

Das ist für mich „Stärke“.

Vom Erzählen-Können

Den Schmerz zulassen, teilen, ruhig auch detailliert anderen liebevollen Menschen erzählen, was genau passiert ist, weinen, die Erinnerungen und Gefühle teilen – das sind natürliche Formen, die wir wahrscheinlich über alle Zeiten hinweg schon genutzt haben, mit Schmerz und Verlust oder anderen unangenehmen Erlebnissen umzugehen und damit Schmerz so weit zu verarbeiten wie es möglich ist.
(Nichts anderes benutzt ja auch die Rückführungstherapie. Und mehr „Technik“ braucht m.E. kein Mensch auf der Welt: Jemanden als liebevollen Zuhörer zu haben, der die Schrecknisse mit einem teilt – ohne davonzurennen oder es gutreden oder wegzaubern zu wollen – das alles demnach also auch nicht aushalten kann. Das ist die Kunst, die ich mir als Therapeut, irgendwann nach einer langen Zeit der Suche nach „optimaler Technik“, als Weg und Ziel gesetzt habe.)

Für einen von etwas Schrecklichem Betroffenen bedeutet es, sich zu öffnen und auch, wenn Ihr liebevoller Zuhörer für solch einen Menschen seid, bedeutet es ebenfalls, sich zu öffnen. Nach außen, hin zu dem Schmerz (oder anderen Emotionen) des anderen und damit auch „notgedrungen“ gleichzeitig nach innen, zu den eigenen Gefühlen von Trauer oder Aggression oder was auch immer gerade da ist.  

Man kann nicht oft genug wiederholen, dass dabei wirkliches Zuhören und einfach Da-Sein jeder anderen Reaktion (vor allem natürlich schulterklopfenden Durchhalteparolen wie „Es wird schon wieder!“ oder „So ist das Leben!“, die nur der Beruhigung des „Zuhörers“ dienen) vorzuziehen ist. „Machen“, „etwas raten“, „trösten“ ist oft gar nicht notwendig oder viel zu früh und dient meist nur der Abwehr der Gefühle des Mitleidenden. Beim Betroffenen jedenfalls kommt dann kein richtiges Mitgefühl oder Verständnis an. (Auch hier gibt es starke Überschneidungen dazu, wie ich Therapie praktiziere: möglichst „technikfrei“ und zugewandt annehmend.)

Vielleicht sind für Sie im obigen Zusammenhang auch die folgenden Selbsterforschungsfragen interessant. Einfach, um sich ein wenig bewusster für den Umgang mit Emotionen entscheiden zu können:

Wie viel echtes Leben erlaube ich mir im Alltag?

  • Wie authentisch fühle ich mich in meiner Arbeitswelt?
  • Wie viel und oft zeige ich echte (auch weniger „angesagte“, aber auch Zuneigungs-) Gefühle gegenüber Chefs, KollegInnen, MitarbeiterInnen, KundInnen, KlientInnen?
  • Liegt meine Antwort darauf in einem für mich befriedigendem Rahmen? Soll das so bleiben oder würde ich mich gerne freier fühlen – oder mich mehr zügeln?
  • Welche Emotionen erlaube ich mir, welche unterdrücke ich lieber?
  • Glaube ich, das Übermitteln von Gefühlen geht gar nicht, das gehört nicht dahin, das „sollte man nicht“, das hat (berufliche, persönliche) Nachteile? Und kommt eine Negativantwort darauf fast reflexhaft?
  • Wenn Nachteile, welche Nachteile befürchte ich genau? Welche Ängste sind mit Offenheit und Echtheit verbunden?
  • Sind diese Nachteile der einzige Grund? Sind sie „realistisch“? Könnte es andere Gründe geben?
  • Gibt es Unterschiede zu meinem Privatleben, kann ich mich dort freier (oder weniger frei) äußern?
  • Was kann ich aus dieser kurzen Reflexion oder Beobachtung ziehen?

Einfach mal den Arbeitsalltag Revue passieren lassen – oder am nächsten Arbeitstag auf diese Punkte hin ein wenig Selbst-Beobachter spielen.

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Ich bin froh, dass ich Euch diese Gefühle in dieser für mich nicht einfachen Zeit übermitteln kann, ohne das Gefühl zu haben, „unprofessionell“ zu sein.

Denn ich möchte nicht „Therapeut“ oder „Mensch“ sein, sondern beides. 

Und ich danke Euch allen da draussen, dass ich dieses eher unangenehme Thema mit Euch teilen durfte. Das nächste Mal wird – und kann es sicher (hoffentlich!) – wieder etwas „unpersönlicher“ werden…

Euer trauriger

Ulf Parczyk,
der auch jetzt trotzdem gerne für Euch da ist.

 

Für Cooper.

 

 

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