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Cooper ist immer noch tot – Zum liebevollen Umgang mit Verlust, Tod, Trennung

Cooper ist immer noch tot – Zum liebevollen Umgang mit Verlust, Tod, Trennung

 

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(ca. 28 Min.)

Cooper ist immer noch tot. Zum Umgang mit Verlust, Tod, Trennung

von Ulf Parczyk

Cooper

 

 

 

 

 

 

 

Es ist jetzt genau ein Jahr her, als mein Hund Cooper starb. Kurz danach habe ich hier („Cooper ist tot.“) meinen Schmerz und einige allgemeine Gedanken zum Umgang mit Verlust geteilt. 

Es ist mein individueller Schmerz, doch gleichzeitig ein allgemeines Thema, das Euch vielleicht jetzt oder irgendwann einmal betroffen hat und vielleicht noch immer „verfolgt“. Daher möchte ich Euch anhand meiner Erfahrungen seitdem ein paar hoffentlich hilfreiche Hinweise und Gedanken im Umgang damit zu geben.

Fühlt Euch getragen von meinem tiefen Mitgefühl und meiner Liebe, solltet Ihr in ähnlichen Situationen sein – gerade auch, wenn Eure Umwelt Euch (hoffentlich nicht!) eher in Richtung „Verleugnen & Weitermachen“ bestärkt.  

Wie gehen wir für uns liebevoll mit dem Verlust eines geliebten Menschen – ob durch Tod oder Trennung -, eines geliebten Tieres oder auch dem schmerzhaften Verlust von Situationen oder Lebensphasen um?

(Die männliche Form „er“ steht hier einfacherweise im Folgenden für Mensch, Tier, Situation, Beziehung, Gesundheit… kurz, alles, was man verlieren kann…)

1. Tue was DIR gut tut!

Was heißt aber „Gut tun“? Es heißt für mich etwas anderes als sich permanent abzulenken, zum Workaholic zu werden oder die Stimmungen in Alkohol zu ertränken. Wenn Du tiefer fragst und in Dein schmerzendes Herz, kommen die richtigen Antworten. Und hoffentlich kann ich Dir dafür auch ein paar Anregungen geben.

– Betrauere das Verlorene. Alle Gefühle dürfen kommen (so gut es eben geht…)

Öffne Dich dem Schmerz – alleine im beschützten Zuhause, mit dem Partner, mit einer Freundin, einem Freund. Lasse das Vergangene in Dir auftauchen, mit allen Gefühlen, die damit verbunden sind.

Fühle Dich ruhig schwach. Leg dich hin, im wörtlichen Sinne. Viele Trauernde sinken zu Boden bei einer Todesnachricht. Ich kenne das sehr gut, die Kräfte schwinden aus den Beinen, man hat irgendwie den Stand verloren, kann sich nicht mehr halten. Und sollte dann im besten Falle – auch im übertragenen Sinne – gehalten werden. Länger als nur im Moment der Nachricht. Ganz lange.

Lass alles kommen, in dem Ausmaß, in dem es Dir möglich ist:

Kann sein, Du leugnest am Anfang, dass es überhaupt passiert ist. Wünsche Dir den Fortgegangenen, das Alte, Verlorene, zurück.
Wie sehr habe ich es manchmal nicht geglaubt, weil es so ungeheuerlich ist, so unfassbar. Und es ist doch passiert. Du denkst, gleich kommt er doch um die Ecke – oder wartet auf Dich an der Tür, wie immer.
Tut er nicht.
Das Ganze nur ein übler Alptraum. Doch das Erwachen bleibt leider aus.

Auch das gehört dazu. (Und nichts, was Du erlebst, gehört nicht dazu. Und klar, nichts von dem, was hier steht, musst Du erleben. Das ist nur das, was ich kenne. Aber ich glaube, dass es vielen Trauernden so ergeht.)

Wut, dass er gestorben ist, hatte ich auf Cooper nie. Jedoch kenne ich das nach dem Tod von Freunden.
Sei ruhig wütend auf den, der Dich verlassen hat oder gestorben ist. Nimm es ruhig persönlich. Solche Gefühle mit weisen Kopfbewertungen wegzuleugnen („Wut ist schlecht“, „er ist ja nicht gestorben, um mir wehzutun“ etc.) bringt gar nichts. Das Emotionale ist jetzt wichtig. „Irrational“ ist halt irrational, aber dafür nicht weniger existent. Nur durch Da-Sein-Dürfen kann es sich auch verändern.

Sei traurig, weine Deine Augen wund.
Fühle Dich leer.
Fühle Dich einsam und verlassen wie kein anderer Mensch sich je gefühlt hat.

Lasse auch solche eher geheimen Gedanken zu, am liebsten dem Toten folgen zu wollen. Der Trennungsschmerz kann so groß sein, auch das zu wünschen. Dazu kommt die Lebensqualität.…naja…von Lebenslust ganz zu schweigen…Es ist sowieso düster und schwer und man funktioniert mehr als dass man lebt….
Deine Lebenslust wird irgendwann wiederkommen.
Du wirst dann anders sein und mit einer Narbe versehen, aber diese Zeit kommt.
Ich weiß es.

Und lasse die Erinnerungen kommen. Doch das tun sie wahrscheinlich von alleine schon, durch hunderttausend schmerzhafte Auslöser, und seien es nur Gedanken. All die vielen schönen Erlebnisse und Erfahrungen, die Ihr zusammen hattet.
Das behältst Du alles als Geschenke, die so wichtig in Deinem Leben sind.
Und das alles gehört auch zu Deiner Heilung.

Erinnerungen:

Cooper acht Wochen alt

Cooper acht Wochen alt

Herbstspaziergang

Herbstspaziergang

 

Und dann die Frage: Was hättest Du gerne noch erlebt, was jetzt zusammen nicht mehr geht? Betrauere auch das. Zumindest in diesem Leben geht es vielleicht/wohl/sicher nicht mehr, je nachdem, was für ein Verlust es ist.

Und ganz wichtig: Fühlst Du Dich schuldig an diesem Ende, für die Trennung, für den Tod?
Wie genau kommst Du darauf, schuldig zu sein?
Und wie lange möchtest Du Dich noch schuldig fühlen? Wann kannst Du damit aufhören?
Und kannst Du zumindest versuchen, Dich selbst etwas liebevoller zu verstehen – nämlich, dass Du gar nicht hättest anders handeln können, sonst hättest du es ja getan?
Umarme Dich mal und gib dir statt Vorwürfen ein wenig (oder besser: mehr) Liebe.

Kleiner Einschub für Fortgeschrittene: 😉

Schuldgefühle rühren oft daher, sich im nachhinein mehr Kontrolle („ich hätte es verhindern können, wenn….“) zuzuschreiben, als das Leben einem gegeben hat bzw. man in diesem Moment als eigene Freiheitsspielräume und Möglichkeiten überhaupt hatte. Man hat immer das Beste getan in diesem Moment. Arrogant und lieblos sich selbst gegenüber, es nachher anders zu sehen – ganz schlau, mit späterem Überblick und mit Distanz.

Und Schuldgefühle halten einen zusätzlich davon ab, sich dem Schmerz und dem Annehmen voll zuzuwenden, statt in Phantasien über mögliche Alternativen der Vergangenheit zu leben: Denn es IST passiert, wie es passiert ist.

Aber es ist schmerzhaft, sich von den zwar auch sehr sehr unangenehmen Schuldgefühlen ab- (d.h. den Kontrolle vorgaukelnden Alternativszenarios mit besserem Ausgang), dem wirklich Geschehenen zuzuwenden. Wir wollen uns lieber mächtig fühlen als völlig ohnmächtig ausgeliefert. Ein Preis für diesen Anspruch auf übermenschliche, perfekte, „fehlerlose“, oft auch absolute Verantwortung (= Macht) sind Schuldgefühle, Selbstvorwürfe und weniger Eigenliebe.
Und das alles aufgrund von Gedankenkonstruktionen über etwas Vergangenes, das eben schon passiert ist und aufgrund von fiktiven Phantasien über andere Ausgänge von Ereignissen.

Diese Gedanken dann willkommen heißen (ich finde das Wort „annehmen“ aus verschiedenen Gründen – zumindest in diesem Zusammenhang – nicht sehr glücklich), aber danach auch die andere Seite: die Ohnmacht und Trauer.

– Teile Deinen Schmerz.

Erzähle Anderen, Verständnisvollen alles davon, so oft Du es brauchst. Gut, dann solche Menschen zu haben, die Dich so sein lassen können, anhören und mitfühlen und Dich mittragen. Und Dich nicht nur smilend und gut gelaunt toll finden. Auch wenn Du lange in dieser Phase bist, Dich auffangen. Ein himmlisches Geschenk! Die ruhig und liebevoll und einfühlsam sind. Die zärtliche Hand eines Freundes auf Deinem Rücken – ohne Worte, ist tröstlicher als jeder Satz. Ich bin so dankbar, solche Menschen um mich zu haben.

Hast Du überhaupt niemanden? Prüfe, ob es wirklich niemanden gibt oder ob Du ihnen das nicht zutraust oder ob Du selbst Ängste hast, Dich fallenzulassen und zu öffnen. Vielleicht helfen Dir diese Fragen, etwas freier und mutiger zu werden. Vielleicht ist doch mehr möglich in Deinem Umfeld, als Du denkst. Ist Deine Angst vielleicht so groß, es gar nicht erst zu versuchen? Ein bisschen Mut zur Öffnung vor anderen ist vielleicht generell ganz heilsam für Dich und gibt anderen gleichzeitig auch eine Chance, Dir beizustehen und Dich anders kennenzulernen.

Oft muss man ja auch nicht reden, einfach bei jemandem Vertrauten zu sein, der vielleicht für Dich kocht oder einen Kaffee macht, Dich dadurch angenommen und ein wenig beschützt zu fühlen, tut gerade dann auch gut.

– Rituale des Abschieds finden

Ein Jahr Trauer tragen ist out. Das hat damals den anderen gezeigt, die oder der Trauernde ist in einem besonderen Zustand. Das gibt es so nicht mehr. „Normal weitermachen“ ist angesagt, als wäre nichts passiert. Es gibt dadurch keinen Schutzraum, der nicht erst erklärt werden muss. Öffentlich soll Trauer also nicht mehr sein, doch schäme Dich Deiner Tränen nicht, egal, wann und wo es Dich „erwischt“. Und es hat mich oft erwischt, gerade am Anfang – oft und unvermittelt. Ein Gedanke oder etwas im Außen, das eine Erinnerung hochzieht. Lass es so oft wie möglich nach außen kommen. Coolness sollte keine Leitlinie sein. In manchen Situationen vielleicht angebracht, als Dauerhaltung überhaupt nicht gesund. Doch oft fand ich es auch ganz gut, die Sonnenbrille aufzuhaben…

Also andere, Dir passende Umgangsweisen finden: Du kannst Dir ein Photo oder eine bestimmte Sache, die mit demjenigen zu tun hatte, den Du verloren hast, hinstellen. Ein Blumensträußchen oder eine Kerze dazu stellen. Vor dem Einschlafen für ihn beten oder an ihn denken. An das Grab gehen und dort mit der Person sprechen – oder von irgendwo. Etwas malen oder einen Abschiedsbrief mit allen Deinen Gedanken an ihn schreiben.

Es gibt so viele Möglichkeiten.

Du wirst spüren, wann es Zeit ist, und ob Du überhaupt solches tun möchtest.
Und auch wenn dann die Zeit gekommen ist, sich von manchen dieser Zeichen oder Rituale zu verabschieden.


– Den ganz eigenen Zeitpunkt für Dinge finden

Lass´ Dir Zeit für alles, was mit dem Abschied zu tun hat. Nicht sich drängen oder drängen lassen. Das Kinderzimmer des verstorbenen Kindes muss nicht nach soundsovielen Monaten ausgeräumt sein. Der Pullover, den Dein Ex-Freund noch bei Dir gelassen hat, muss nicht nach 3 Tagen im Müll landen. Wenn Du es willst und kannst, tu es. Wenn nicht, warte. Gestatte Dir, festzuhalten. Andere mögen Dich dabei beraten. Aber nur Du weißt, wann die Zeit für solche Dinge reif ist. Irgendwann stellst Du Dich dem Schmerz dieser kleinen aber heftigen Abschiede von Dingen, die Erinnerungen tragen. Und klar, einfach wird es nie sein. Stimmig sollte es aber sein.

Es kostete mich eine Riesenüberwindung, den Spaziergang im Stadtwald um den See kurz nach Coopers Tod das erste Mal ohne ihn zu machen. Auch beim zweiten Mal war es schrecklich, gefühlt hätte der See von meinen Tränen überlaufen können. Ich traf auch eine liebe Bekannte mit ihrem Hund, die schockiert war und wir sind den Weg dann einmal zusammen gelaufen, den wir oft zu viert gingen und haben dabei natürlich über seinen Tod gesprochen. Es klingt sicher seltsam oder egoistisch, aber es „tat immer gut“, wenn andere, so wie sie, auch schockiert waren und mittrauerten. Dann fühlt man sich verstanden und irgendwie weniger alleine mit dem Schmerz – gerade mit denen, die ihn auch mochten oder liebten.

Schlimm war auch – ja, wirklich – das erste Mal Staubsaugen. Seine Haare wegzusaugen war wie ein weiteres Verschwinden von ihm… Den Fress- und Trinknapf in den Keller bringen, ging erst viel später, sein „Körbchen“ habe ich noch viel später erst wegstellen können. Sein immer noch nach nassem Hund riechendes Halsband hängt immer noch neben der Eingangstür und ein Kissen von ihm liegt immer noch im Zimmer.

Ich wußte immer plötzlich, es kam wie eine klare Eingebung: „Jetzt kannst Du das oder das wegräumen oder wegwerfen“. Nach und nach, Schritt für Schritt. Manches eben noch nicht. Oder nie.

Vielleicht bist Du anders, fühlst Dich besser, wenn Du einen radikalen Schnitt machst. Das kann auch sehr befreiend sein, ein paar Tage oder Wochen später die große Mülltüte zu holen und alles reinzupacken oder jemandem zu schenken, der es schätzen kann. Spüre einfach in Dich. Wie gesagt, Ratschläge von anderen in dieser Hinsicht überprüfe erst gut, ob sie sich auch für Dich passend anfühlen.  

Die allermeisten lieben Menschen und Mitfühlenden, die mich zum ersten Mal ohne Cooper getroffen haben, haben meistens diese drei Fragen gestellt, in genau der Reihenfolge: Wie alt war er? An was ist er gestorben? Überlegst Du, ob Du wieder einen Hund haben möchtest?

Ich kenne viele Hundebesitzer, die kurz (manchmal wenige Tage) nach dem Tod ihres Hundes bereits einen „neuen“ Hund hatten. (Das gibt es natürlich auch oft nach Trennungen auf Menschenebene) Im Extremfall einen, der genauso aussah (gibt es auch bei Menschen 😉 ).
Jeder bewältigt solch einen Verlust auf seine Weise. Oder möchte es gar nicht.

Gut, wenn Du Dir bewusst wirst, was Du möchtest und wie.

Die Gedanken an einen anderen Hund hatte ich schon öfter. Immer aber wurde mir dann klar, dass ich vergleichen würde und kein anderer Hund an Cooper herankommen könnte. Damit hatte sich das Thema dann erst mal erledigt. Mittlerweile könnte ich es mir schon eher vorstellen. Cooper bleibt einfach Cooper, aber vielleicht trotzdem…… mal sehen…. Der Wunsch jedenfalls ist da und wird stärker. …eben, den richtigen Zeitpunkt abwarten, wenn das Gefühl ja sagt. Einen „Ersatz“ möchte ich jedenfalls nicht.

– Dich daran erinnern, dankbar zu sein

Bei allem Schmerz kommt sicher immer wieder durch, wie dankbar Du für den verlorenen Menschen und die gemeinsamen Erlebnisse bist (in manchen Fällen von Verlassen-Werden erst, wenn die Wut verraucht ist…). Diese Dankbarkeit ist ja auch ein Zeichen der Wichtigkeit, die er für uns hatte und erfüllt unser Herz in dieser Phase des Abschieds auch mal auf eine sehr schöne, zärtliche Art. Und ist sicher das, was später am stärksten als Gefühl bleibt.

– Nicht allzu viel verstehen müssen

Verstehen-Wollen (die Frage „Warum?“) führt oft in die Leere, dreht sich im Kreis, bleibt im Verstand hängen und vermeidet eher das Gefühl.
Versuche, Dich eher auf Deine Gefühle zu konzentrieren. (Zu diesem Thema empfehle ich meinen Blogartikel: „Ich versteh´ mich nicht!“)

2. Trauere so lange, wie Du eben trauerst.

Es gibt keine Regel. Kümmere Dich nicht darum, wie andere die Dauer Deiner Trauer bewerten. Oder ob und ab wann es von wem auch immer „Depression“ genannt wird, egal, nach welcher Zeit. Du hast Deine eigene Zeit.
Wenn Du es zu stoppen versuchst, weil Du meinst, jetzt müsste es ja mal aufhören, kann es erst dadurch zur „Depression“ werden.
Es wird nur irgendwann leichter dadurch, dass Du den Schmerz umarmst, und gerade nicht durch permanente Zerstreuung und Auf-der-Flucht-Sein (s. aber Punkt 3.). Sei bitte geduldig. Ich weiß, wie schwer das ist. Wie gerne hätte ich „damals“ die vor mir liegenden Monate übersprungen, aber sie gehören eben dazu. Und machen etwas mit Dir, das Du jetzt natürlich nicht abschätzen oder gar schätzen kannst (Und mir zumindest gingen damals so spirituelle Sprüche über Sinn von Leiden etc etc. gehörig auf den Keks. Jetzt schreibe ich selber darüber einen Text hier, 😉 in der Hoffnung, es bringt Dir ein wenig mehr als Kalendersprüche, so wahr sie auch sein mögen.).  

3. Mache „Pausen“

Bei allem Einlassen auf den Schmerz: Versuche, wenn es Dir danach ist, durchzuatmen, etwas Schönes zu machen. Essen gehen mit Freunden, eine Massage, ein Konzert, ein Spaziergang. Schau einfach, ob Du es schon ein bisschen wieder genießen oder zumindest ob Deine Gefühle oder Gedanken eine andere Richtung nehmen dürfen. Wenn nicht, dann nicht. Das nächste Mal bist Du vielleicht ein wenig mehr mit Deiner Aufmerksamkeit in der Gegenwart. Kein Druck. Kein Müssen.
Arbeiten ist für Viele schon eine willkommene Abwechslung. Vorsicht vor Übertreibungen.

Wenn es Zwischenzeiten geben soll, in denen Du Dich ablenken willst, tue es. Es kommt zurück, wenn es nicht verarbeitet ist.

Irgendwann, viele Monate nach Coopers Tod, kam mir eine Anzeige unter, die mich auf die Idee brachte, Gleitschirmfliegen zu lernen. Ich hatte nie etwas mit Fliegen im Sinn. Dann die Ausbildung gebucht. Die Ausbildungswoche hat mich dann plötzlich aus meiner Trauerhöhle wieder mehr ins Leben zurück gebracht. Nicht nur das Fliegen (und die Bruchlandungen 🙂 ) selbst, auch das Weg-von-zu-Hause-Sein, das gute Gefühl in einer Gruppe mit lieben Menschen, mit denen ich endlich wieder lachen und total albern sein konnte (…und etwas weibliche liebevolle Energie hat da zusätzlich mitgeholfen 😉 ), haben einen großen Umschwung in mir bewirkt. Es war einfach die beste Idee zur richtigen Zeit.

4. Untersuche den Verlust, die Beziehung zum Verlorenen.
Forsche danach, was Dir derjenige und die Beziehung zu ihm für Dich bedeutet hat.

Neben der individuellen, nicht zu ersetzenden Seelenqualität desjenigen: Gibt es auch etwas, was Du mit ihm verlierst, was Du ihm nur zugeschrieben hast? Ein innerer Zustand, ein bestimmtes Gefühl, das Du glaubst, nur dann – damals und mit ihm – erleben zu können? Die Liebe zu Dir, zu ihm? Eine Leichtigkeit, die Du vorher nicht kanntest? Eine Tiefe des Erlebens?

Und kannst Du vielleicht ein wenig spüren, dass DU es bist, der das alles gefühlt hat. Dieser Mensch war auch ein Auslöser für das, was in Dir ist, immer noch IST, auch ohne die verlorene Person oder Beziehung. Das zumindest hast Du nicht verloren, die Fähigkeit so zu fühlen und zu erleben, wie Du es mit dieser Person getan hast. Und vielleicht ziehst Du dadurch leichter Umstände oder Personen an, mit denen Du sicher nicht dasselbe, aber Vergleichbares in der Zukunft erleben kannst. Dein Innenleben hast Du ja nicht verloren, nur die Person, die bestimmte Bereiche in Dir geöffnet hat. Ursache war sie dafür nicht, aber Türöffner.

5. Tiefer forschen: Frühere Verluste

Wenn noch andere, frühere Abschiede aus Deinem Leben als Eindrücke in Dir hochkommen, lass sie hochkommen. Ähnliche Ereignisse sind durch das gegenwärtige Gefühl miteinander verbunden, wenn sie noch nicht verarbeitet sind (wenn das überhaupt vollständig geht, ein Restschmerz wird wohl bei manchen Verlusten immer bleiben…).

Es gibt oft auch unbewusste vorangegangene Verluste oder Verlustgefühle, z.B. Deines inneren Kindes (Tode oder Trennungen von Eltern(teilen), Heimaufenthalte uvm.) – oder auch aus früheren Leben. Das kann noch zusätzlich viel Energie auf einen aktuellen Verlust geben und ihn schwerer machen. Wenn Du Letzteres vermutest, ist dies eher etwas für eine professionelle Begleitung. Suche Dir die Unterstützung, die Du brauchst.

6. Sei immer liebevoll zu Dir selbst, noch mehr als sonst.

Es ist eine schwere Zeit. Kümmere Dich um Dich. Nimm Dir viele Auszeiten. Wenn Du nicht so „funktionierst“ wie sonst, gib‘ anderen Bescheid, privat oder bei der Arbeit. Zieh Dich auch mal zurück. Sei Dir selbst gegenüber rücksichtsvoll, so wie Du es sicher einer geliebten Freundin in solch einer Situation gegenüber wärst.
Falls Du eine Trennung auf Deinen Wert oder Deine Liebens-Würdigkeit beziehst, lass das bitte. Du bist genauso liebenswert wie vorher und immer schon. Lass Deine Liebe zu Dir (möglichst 😉 ) nicht von einer Trennung bestimmen.

Du bist jetzt der wichtigste Mensch, um den Du Dich kümmern musst.
Schonzeit. Verarbeitungszeit. Zeit der Heilung wie nach einer Verwundung.

Nimm Dich in der Vorstellung mal in den Arm. Oder wiege Dich in Deinen Armen wie ein Baby.
Übermittle Dir auch mal: Du tust immer Dein Bestes. Immer.

7. Du bist mehr als all das jetzt: diese Gefühle, diese Aufs und Abs.

Mehr als der Mangel, der durch Verlust entsteht.

Das fühlst Du jetzt gerade vielleicht überhaupt nicht so, lass es aber trotzdem immer mal auf Dich wirken. Erinnere Dich: Die Fülle ist immer da. Und die Liebe. Und das Eins-Sein. Immer. Ob Du es spürst oder nicht.

Und lasse die Hoffnung immer mal wieder durchschimmern wie einen goldenen Sonnenstrahl (stell es Dir ruhig auch so vor). Sie ist vollkommen berechtigt.

8. Du hast etwas verloren, aber gehst reich daraus hervor.

Wenn Du nicht dauerhaft dem emotionalen, weichen, verwundeten Teil in Dir ausweichst, sondern seine Freundin oder sein Freund bleibst, ist dies auch eine Zeit für einen tiefgreifenden Wandel in Dir. Ich selbst habe diese Erfahrung jedenfalls gemacht. (Der Tod von Cooper war absolut nicht mein erster Verlust, aber vielleicht wirklich der schlimmste.)

Das intensive innere Dabeibleiben in Trauer, Einsamkeit und Verletzlichkeit, in das mich sein Tod geworfen hat (zusammen mit einem Ende einer Liebesbeziehung vorher), hat mein Mitgefühl noch einmal sehr gesteigert und das Gefühl von Nähe, Verbundenheit und „allgemein“ die Liebe zu den Mitmenschen noch einmal verstärkt. Das spüre ich sowohl in den Sitzungen als auch im Privatleben.

Wieso ist das wohl so? Meine Gedanken dazu sind: Wir sind natürlich alle über die Freude verbunden. Tiefes Leid jedoch in uns zu akzeptieren, bringt uns auch in diesem universellen Zustand zueinander. Es verbindet uns miteinander in der Tiefe und übers Herz, wenn wir uns selbst und dann dadurch unser Gegenübere als verletzliche Wesen annehmen, da wir das Gleiche im anderen erkennen können. Nicht nur in emotionalen Situationen, sondern immer – als grundlegende Eigenschaft einer Seele.

Denn wir blenden dann diese Aspekte im anderen nicht aus, wenn wir sie selber in uns als Farben des Regenbogens, der eben nicht nur helle Farben hat, umarmt haben. Das gibt eine innere Stärke, die wirkliche Stärke ist, weil sie nicht aus Widerstand und Verleugnung geboren ist.

Wir können daher mehr mit – im wahrsten Sinne des Wortes – GANZEM Herzen erkennen, verstehen und lieben, uns und die anderen.

Und brauchen, nebenbei bemerkt, nicht immer den anderen mit unserem eigenen Widerstand gegen diese Gefühle zu begegnen, z.B. durch Helfen-Müssen oder Aktionismus, damit es dem Gegenüber unbedingt besser geht. Das macht ruhiger und annehmender, wenn jemand anders im Schmerz oder in Trauer ist — und auch, wie ich erlebt habe, ganz allgemein Menschen gegenüber, egal in welcher Lebenslage: als Herzverbindung.

Die Bewegung hin zu Deinen Gefühlen jetzt bedeutet also nicht nur eine Nähe zu dem fühlenden Teil in Dir, der nicht im Stich gelassen werden möchte, sondern auch eine Nähe zur Tiefe in allen anderen Menschen.

Dann wird Spaß zu wirklicher gemeinsamer Freude, zum Tanz der innerlich tief Verbundenen, ob Ihr Euch „kennt“ oder nicht.
Und aus Mitleid wird Mitgefühl.

Der Regenbogen will ganz gesehen werden. Und das jetzt ist seine und Deine Chance – so schwer es sich auch im Moment anfühlen mag. Ohne Tiefe kommt man nicht wirklich in die Höhen.

Wenn Du so oft wie möglich bei Deinen Gefühlen bleibst, dann kann es leichter werden.
Und tue, was Du brauchst.
Und hole Dir die liebevolle Unterstützung, die Du jetzt benötigst.

Dieser Text allen gewidmet, die das Thema gerade betrifft, in Liebe.
(Aber es ist auch genug Liebe für alle da…  🙂 )

Euer Ulf Parczyk

 

 

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